Kinder-Wildbienen und Zeidlergarten
Wannseestr. 23
14532 Stahnsdorf
Deutschland
Vom Brachland zum Kinder- Wildbienen- und Zeidlergarten
Das Waldorf 100 Projekt „Bees & Trees“ im Waldorfkindergarten am Hochwald
Der Waldorfkindergarten am Hochwald hat seit zehn Jahren Bienen und arbeitet an ihnen gemeinsam mit den Kindern übers ganze Jahr. Und wie der eine oder andere vielleicht auch weiß, gab es am Standort in Stahnsdorf neben dem bereits genutzten Grundstück ein bislang völlig unbewirtschaftetes Waldstück. Jetzt hat sich das Brachland stark verwandelt und ist als Kinder- Wildbienen- und Zeidlergarten unseres Waldorfkindergartens belebt. Das Waldorf 100 Projekt Bees & Trees ist auf unserem „wilden“ Grundstück sichtbar und erlebbar. Zwischen hohen Kiefern, Robinien und Linden summen zwei Honigbienenvölker in einer Klotzbeute und in einem Weissenseifener Hängekorb. 47 Baumscheiben als Insektenhotels warten auf den Einzug der Wildbienen, denn der Tisch ist bereitet, die Bienenweide blüht.
Der erste „Bienentag“: Schüler, Königskinder, Eltern und Lehrer als Projekt-Team
Den Auftakt bildete ein ganz besonderes Projekt im Juni 2019, kurz vor den Sommerferien: Wir haben drei Tage lang 32 Schüler der 2. Klasse aus der Waldorfschule Kleinmachnow und 15 Königskinder (Kindergartenkinder kurz vor der Einschulung), zehn Eltern der Schüler und zwei Lehrer Vertrautheit, Fürsorge, Entdeckerfreude in Verbundenheit mit der Natur und mit uns Kinder- und Bienenpädagogen erleben lassen. Jeden Tag empfingen wir alle Kinder und Eltern unter dem Dach unserer Jurte. Wir begrüßten uns gegenseitig mit Gesang und kraftvoll gesprochenen Bienensprüchen. Für die Kindergartenkinder gab es folgenden Spruch:
Was uns die Bienen täglich schenken,
sind Wunder, wenn wir es recht bedenken;
Sie holen die Gaben der Blumen ins Haus,
bereiten Wachs und Honig daraus.
Das größte Wunder, vergesst es nicht,
Ist uns in beidem gegeben:
Im Wachs erstrahlt es als goldenes Licht,
im Honig schenkt Kraft es im Leben.
(Horneber, 2019)
und für die Schulkinder diesen:
Wir bauen, wir bauen die Wabe, das Haus,
aus jeder schaut ein Blümlein heraus.
Wir bauen, wir bauen nach einem Bild,
aus jedem leuchtet die Blüte mild.
Von Spitze zu Spitze wir ziehen die Wand,
Die Ecke den Winkel, die Fläche, die Kant.
Wir zeichnen und bauen, dann tragen wir ein,
Dem Honig wird wohl in der Wabe sein.
(überliefert)
Immer gab es von uns Kinder- und Bienenpädagogen einen theoretischen Teil. Vom Ursprung der Imkerei, über die Besonderheit und Vielzahl der Insekten, über das Handwerk des Imkers und eben vieles über die Honigbiene selbst. Die Kinder bekamen danach das typische Kindergartenfrühstück mit Montagsmilchreis, Dienstagsbrötchen und Mittwochshirse. Sie durften die Gaben der Bienen probieren, die Imkerpfeife rauchen, ein Wespennest von innen sehen, Wabenhonig (Kaugummi der Bienen) kauen, den Unterschied zwischen leerer und voller Honigwabe entdecken und eben Gemeinschaft, Zusammenhalt und die Freude an den Bienen voller Mitgefühl und Neugier erleben.
DIE ZEIDLEREI
Die ZEIDLEREI ist eine alte Zunft, die in Deutschland seit dem Mittelalter ausgeübt wurde und mittlerweile fast verschwunden ist. Es ist sozusagen die Urform des Imkerns in Europa, bei der der Zeidler nicht die Bienen bei sich zuhause domestizierte, wie wir es heute aus der klassischen Imkerei kennen, sondern sein Handwerk im Wald ausgeübt hat. Dafür hieb er Höhlen und Kerben in Bäume, sodass sich hier die Bienenvölker niederlassen konnten, und bewirtschaftete sie so in ihrer natürlichen Umgebung. Auch wenn die Bienenhaltung in Kästen, sogenannten Beuten, einigen Komfort etwa bei der Honigernte brachte, ist diese Form der natürlichen und wesensgemäßen Bienenhaltung so nahgewesen, wie es heute immer öfter gefordert wird.
Die fünf Aufgabenbereiche unseres Bienentags:
Zu Beginn haben wir die Kinder in fünf Gruppen (ZEIDLERGRUPPE, FEUERGRUPPE, BIENENGRUPPE, HONIGGRUPPE UND BAUMBLÜTENGRUPPE) eingeteilt. In diesen Gruppen sind die Kinder täglich durch ebenfalls fünf Aufgabenbereiche von den Eltern, Lehrern und Pädagogen begleitet und angeleitet worden.
Am ersten Tag haben wir für die Natur gearbeitet.
Die Kinder und Eltern pflanzten Blumen, bohrten Insektenhotels, fertigten Klotzbeuten, bereiteten Blumensaatkugeln zu und kletterten gesichert und professionell begleitet, wie die Zeidler, auf unsere höchste Kiefer.
Am zweiten Tag haben wir das Handwerk des Imkers kennengelernt.
Die Kinder und Eltern lernten Rähmchen (das Gerüst, in dem die Bienen ihre Waben bauen) zusammenzubauen, zu drahten und die Mittelwände (die Start-Wachsplatte im Rähmchen) einzulöten, jeder durfte ein Rähmchen mit dem Brennpeter-Lötkolben mit dem eigenen Namen beschriften. Auch haben wir Rähmchen geputzt und aufgearbeitet, Honiglöffel geschnitzt, einen Schaukasten und Honigräume für unsere Wirtschaftsvölker gebaut und Bienenwachs-Windlichter in unserer Wachswerkstatt gefertigt. Am Ende des Tages belebten wir Kinder- und Bienenpädagogen den Schaukasten unter Anwesenheit aller mit zwei Brutwaben und reichlich Bienen. Diesen Schaukasten nahmen die Schulkinder mit in ihr Klassenzimmer.
Am dritten Tag stand der Bienenstock als lebendiger Organismus ganz im Mittelpunkt des Tages.
Die Kinder erlebten in unserem hauseigenen Bienen- und Kräutergarten den Bienenstock von innen, sie ernteten Honig, entdeckelten die Honigwaben und schleuderten diese aus. Die Kinder durften sich ein eigenes Etikett malen und ein Glas Honig abfüllen, die selbst gebauten Honigräume bemalen und große Holzbienen künstlerisch gestalten. Auch backten sie in unserer Honigküche für ihren Jahresabschluss viele, viele Bienenstiche.
Nun fehlte nur noch eines, die Einführung der Epochenhefte. Ihre erste Unterrichtsstunde, der nun eröffneten Bienenepoche, fand in den Räumen des Kindergartens statt. Diese übernahmen natürlich die Lehrer. Die Eltern bereiteten in dieser Zeit den Abschluss vor, an dem die Kinder das Entstandene den Eltern zeigten, ihre selbst gemachten Gaben für zu Hause überreicht bekamen und sich alle den Bienenstich schmecken ließen.
Der Schaukasten der Schüler wurde zum Zentrum der Bienenepoche. Die Kinder erlebten den Bau der Weiselzelle (die Schlupfzelle und Wiege der zukünftigen Königin), ihr Schlüpfen und das Legen der Eier nach ihrer Begattung, wir legten ein gemeinsames Tagebuch über das Erlebte und Gelernte an. Am Tag der Zeugnisausgabe lud die Klasse uns Pädagogen ein und sang als Dankeschön für uns ein Bienenmusical. Außerdem bekamen wir viele wunderschöne selbstgemalte Bilder.
Alles hier Beschriebene wurde von zwei Fotografen dokumentiert. An dieser Stelle darf auf gar keinen Fall der Dank an alle mitwirkenden Eltern der Schule und Pädagogen unseres Waldorfkindergartens fehlen.
Und so ging es weiter
Die Bienen und Waben des Schaukastens sind inzwischen in eine Klotzbeute in Form eines Leuchtturmes gezogen. Von hier aus fliegen sie symbolhaft in die Welt. Denn das ist das, was wir selber erfahren durften an diesen „Bienentagen“: Unsere Kinder brauchen Leuchttürme zu ihrer Orientierung, nämlich in Form von Erwachsenen, die mit ihrer Aufmerksamkeit und ihrem Interesse an ihnen im wahrsten Sinne des Wortes FÜR SIE DA SIND. Und in diesem Zusammenhang sind sowohl die Kinder als auch die Bienen gemeint – denn beide sind unsere Zukunft.
Am Festtag Waldorf 100 am 31.08.2019 haben wir dieses „ZUKUNFTSPROJEKT“ in der Freien Waldorfschule Kleinmachnow präsentiert.
Unsere Jurte wurde zum "Zelt der Zukunft", wir haben mit allen Anwesenden Visionen für die Zukunft entwickelt, diese vor Ort auf den Leuchtturm gebrannt und auf vorbereiteten Wabenkarten mit Luftballons in die Welt geschickt.
So sind unsere Visionen wie die Bienen ausgeschwärmt und haben den Ein oder Anderen daran erinnert, DAS DIE ÖKOLOGIE DAS IST, WAS JEDER EINZELNE ZUR KUNST, DEN PLANETEN AM LEBEN ZU ERHALTEN, BEITRAGEN MUSS!*
*Horst Kornbacher „Weltwunder Bienenstock“
---------------------------
Anke Kunkel ist Erzieherin im Waldorfkindergarten am Hochwald und seit über 15 Jahren neben ihrem Beruf als Kindergärtnerin Bienenpädagogin. Die Imkerei hat sie bereits von ihrem Vater gelernt.
Julian Goll ist ebenfalls als Erzieher im Waldorfkindergarten am Hochwald tätig. Er hat selbst seine Schulzeit an der Freien Waldorfschule Kleinmachnow verbracht, hält ebenfalls Bienen und ist dazu passionierter Baumkletterer.